Die Amazonifikation des Banking

Von Ralf Keuper

Lange Zeit galt die Losgröße 1 in der Produktion als unerreichbar – zu komplex und zu aufwendig (Vgl. dazu: “Wachstum durch Verzicht. Schneller Wandel zur Weltklasse: Vorbild Elektronikindustrie” von Jürgen Kluge et al.). Mittlerweile hat sich das geändert. Die Kunden können sich heute bei Nike ihren Schuh ihren Wünschen entsprechend konfigurieren. Selbst bei den Investitionsgütern ist dieser Trend angekommen. In einem Gespräch, das ich vor einigen Wochen mit Prof. Dr. Jürgen Jasperneite, einem der führenden Experten auf dem Gebiet der Industrie 4.0 und der Smart Factory, führen konnte, verdeutlichte er am Beispiel eines Netzteils die Herausforderungen für die Hersteller (Vgl. dazu: Auf der Suche nach dem Amazon für Investitionsgüter Made in Germany). Wenn Unternehmenskunden die gleiche User Experience beim Kauf einer Industriellen Stromversorgung erwarten wie bei der Online-Bestellung eines Sportschuhs, dann müssen zuvor die Preisfindungs- und Logistikprozesse automatisiert und aufeinander abgestimmt werden. Der Kunde konfiguriert online das Netzteil. Dabei wird zunächst geprüft, ob die gewünschte Konfiguration realisierbar und lieferbar ist. Ist das der Fall, wird ihm der entsprechende Preis angezeigt. Nachdem der Kunde die Bestellung aufgegeben hat, kann er den Produktionsstatus und den Sendungsverlauf in Echtzeit verfolgen. So oder so ähnlich könnten sich die Merkmale eines Industrie 4.0-Bestellvorgangs beschreiben lassen. 

Noch fehlt es in den meisten Unternehmen hierfür an einer durchgängigen IT-Unterstützung der kundennahen Prozesse. Trotzdem werden die Kunden auf Dauer im B2B-Geschäft die gleiche “User Experience” erwarten, wie sie sie heute von Apple und Amazon gewohnt sind. Schon ist Amazon dabei, sich mit “Amazon Commercial” als Einkaufsplattform für Unternehmen zu positionieren und mit Eigenmarken selber als Produzent aktiv zu werden. (Vgl. dazu: B2B – das nächste Schlachtfeld im E-Commerce). Vorreiter auf diesem Gebiet ist Alibaba (Vgl. dazu: B2B-Banking ohne Banken). Alibaba kann schon heute praktisch den gesamten Wertschöpfungsprozess – von der Bestellung bis zur Auslieferung – abdecken.

Nachdem im Retail-Bereich die Kundenschnittstelle an Amazon, Apple, Google und Alibaba – auch im Banking – bereits weitgehend verloren ging, ist als nächstes Segment das der Firmenkunden an der Reihe. Zu glauben, die eigene Expertise im Firmenkundengeschäft wie überhaupt dessen Komplexität könnte GAFA davon abhalten, hier eine dominierende Rolle anzustreben, ist naiv. Wer hier – u.a. mit eigenen Medien, wie dem Smartphone oder Appstores – die Kundenschnittstelle besetzt, wird alle weiteren Prozesse nach und nach unter seine Fittiche nehmen:

The industrial IoT domain summarizes everything what is outside the classical consumer domain with a strong emphasis on B2B business. In general, there is a convergence of consumer and industrial internet. We see signs of “consumerization”, for instance, in the home market through the appearance of voice control appliances like Amazon’s Alexa or Apples Homepad. Also, it is typically the case in the automotive industry in which consumer and industrial platforms are merging the concept of connected and automated driving (in: Cognitive Hyperconnected Digital Transformation. Internet of Things Intelligence Evolution)

Die Unternehmen wandeln sich vom Lieferanten zum Betreiber. Früher war es so, dass das Produkt an den Kunden geliefert wurde und man danach nur dann kontaktiert wurde, wenn es Probleme gab. In diesem Fall rückte der Kundenservice aus. Ansonsten wurden die Maschinen über die Jahre genutzt und abgeschrieben; irgendwann wurden neue beschafft. Das ist heute anders. Entscheidend ist laut dem Leiter der Entwicklungsprozesse der Schaeffler-Gruppe heute vielmehr die Fähigkeit, die Produkte über den gesamten Lebenszyklus zu begleiten und sie “ins Feld zu bringen”:

Heute ist der wichtigste Zeitpunkt im Entwicklungsprozess der Start of Production (SOP), an dem das Produkt fertig entwickelt ist. Wenn wir die Produkte über ihren Lebenszyklus hinweg um Serviceleistungen ergänzen und über die Software eventuell ganz neue Funktionalitäten bereitstellen, dann gibt es für das Produkt eigentlich keinen SOP mehr. Das führt zu einem ganz anderen Produktverständnis. Wir haben erst kürzlich im Konsortium darüber diskutiert, dass im Vorfeld viel mehr über die Ausbaufähigkeit der Produkte nachgedacht werden muss (in: Banking trifft Industrie 4.0).

Für die Banken oder bankähnliche Institute hat das zur Folge, dass sie sich stärker als bisher in die Geschäftsprozesse der Firmenkunden einklinken müssen. Es reicht nicht mehr, das fertige Produkt einmalig zu finanzieren, sondern es über die gesamte Lebensdauer mit weiteren Services und Beratungsangeboten zu begleiten. Das kann z.B. , datenbasierte Kreditvergabe, Cashflow-Management, Predictive Maintenance oder die Anfertigung von Branchenvergleichen sein. Weiterhin übernimmt die Bank oder bankähnliche Institution die Verifizierung der Objekte und Lieferanten/Geschäftspartner (Know your Object und Know Your Supplier).

Das alles können die digitalen Ökosysteme wie Amazon, Alibaba und demnächst auch Apple und Google technisch abdecken. Es mag noch hier und da an der fachlichen Expertise mangeln, jedoch sollte man nicht davon ausgehen, dass die Technologiekonzerne dieses Lücke nicht auch schließen können, zumal sie ja selber multinationale Großkonzerne mit eigenem Treasury sind, das dem der meisten Banken ebenbürtig ist. Zumindest legt das der wirtschaftliche Erfolg von Google, Apple & Co. nahe. Mit dem Internet der Dinge eröffnen sich daher nicht für die Banken neue Chancen, sondern vor allem für die Technologiekonzerne, zu denen auch noch Microsoft und Samsung gezählt werden müssen. Schon heute ist Microsoft im IoT einer der wichtigsten Player und dabei, im IoT, wie schon im Endkundengeschäft, das führende Betriebssystem zu werden. Insofern deuten einige Signale darauf hin, dass sich im B2B-Geschäft die Rollenverteilung wiederholen wird, wie wir sie aus dem B2C-Geschäft bereits kennen.

Dieser Beitrag wurde unter Banking, Industrial Internet der Dinge, Industrie 4.0, Internet der Dinge veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.